Zum Inhalt wechseln

News

Laura Carbone in Toronto / Traveldiary

https://image.jimcdn.com/app/cms/image/transf/dimension=373x1024:format=jpg/path/s547385a539755047/image/i112bb8f5e017c709/version/1527154288/image.jpg

Und dann sind wir in Toronto. Die Wettervorhersagen bereiten auf Sturm und Dauerregen vor, wir bleiben davon jedoch verschont und verbringen die ersten kanadischen Frühlingstage vor Ort. Es fühlt sich an wie Deutschland Anfang März - oder ein April, der macht was er will, brennender Sonnenschein, gefolgt von eiskaltem Wind. Toronto ist mir zu kalt und meine Entscheidung, ab nun auf Strumpfhosen zu verzichten, ist in Kombination mit zu kalten Klimaanlagen seit Flugzeug Richtung NY nicht die Schlauste. Ich erkälte mich bereits vor der Immigration und so fällt es mir, dank Schnupfnase, etwas schwer während dieser Woche Toronto vollständig einzuatmen.

Bei der Immigration in Toronto soll mein Gitarrist Mark fast ein Autogramm an den Officer geben, da dieser denkt, er sei der Gitarrist der Smashing Pumpkins. Why not - er hat ja auch gebräunte Haut… Wir warten in der Ankunftshalle eine weitere Stunde auf meinen Schlagzeuger Jeff und meine Gitarre, die beide New York ausgelassen haben und auf direktem Wege aus Berlin anreisen. Die Wiedersehensfreude ist groß, die Band nun komplett und so werden wir ins alte China Town im Osten der Stadt chauffiert, wo die Herren ein Airbnb ca. 150 Meter von meinem Zimmer beziehen werden. Ein ehemaliges Warenhaus, das zum Label-Loft umfunktioniert wurde, wird ab jetzt mein temporäres zu Hause sein.

Beim Aussteigen aus dem Taxi und dem Wiedersehen mit meinem kanadischen Label, stoße ich zum ersten Mal in Kanada einen Laut zwischen „Awww“ und „Ahhh“ aus - Die Ladenfront ist mit riesigen, bunten Postern für mein Album versehen. Mit meinem Gesicht. Crazy und so lieb von denen. Wir fühlen uns willkommen, entscheiden uns direkt den nächstgelegensten Asiaten aufzusuchen und eine wärmende Pho zu haben.

Meine Tage in Toronto sind wild durchmixt von täglichen Proben, Meetings, Konzerten, Sightseeing und Tacos. Auf Letzteres kann man meiner Meinung nach in Toronto jedoch verzichten und würde somit jedem empfehlen, sofern der eigene Gusto dies möchte, mehr nach Lachs Ausschau zu halten. Vielleicht möchte ich auch nur die rosarote Linie weiterführen und echte Toronto-Liebhaber schütteln hier den Kopf. Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass Poutine nicht mein Fall ist. Dass Poutine eigentlich eher ein Gericht mit Ursprung in Montreal ist, weiß ich aber auch, danke. Auf unserer Essensliste stand dieses mächtige Gericht jedoch auf der 1: Pommes, Bratensoße, Speck, Cheese curds. Uff, mächtig.

Tatsächlich beginne ich mich nach Frischem und Gesundem zu sehnen, vermisse die große Auswahl an grünen Smoothies, die es in jedem Deli in NY gibt und bin aber sehr froh, einen Supermarkt und eine Küche in Reichweite zu haben. Zusätzlich integriert sich Ingwertee in meinen Tagesplan und löst diversen Eistee (ohne Zucker) ab, den ich ebenfalls in NY verschlungen habe.

Wir proben wirklich jeden Tag im hauseigenen Proberaum und so langsam bekommt dieser Trip einen Bandcamp-Vibe, der tatsächlich bei der ersten Probe unterstrichen wird, als Brodie’s neu geliehener Bassamp „durchraucht“ und am nächsten Tag von uns allen zum Musikladen eskortiert wird, um diesen umzutauschen.

Es gehört zum Klischee, sich Musikläden auf Tour anzuschauen und meistens gehe ich mit einem neuen Satz Saiten aus dem Laden, um wenigstens ein mini Souvenir für meine Gitarre gekauft zu haben. 

https://image.jimcdn.com/app/cms/image/transf/dimension=434x1024:format=jpg/path/s547385a539755047/image/i40403e321abdf045/version/1527155634/image.jpg

Beim Eintreten in diesen Musikladen im Westen Toronto‘s habe ich sofort das Gefühl schon mal hier gewesen zu sein. Da ich noch nie vorher in Toronto war, schiebe ich diesen Gedanken wie eine Wolke zur Seite und kaufe meinen Satz Saiten.

Bei der Rückfahrt meint Mark, dass er irgendwo her diesen Gitarrenladen kannte und er lachen musste über das Schild über den Gitarren mit „NO Stairway to Heaven“. Später erfahren wir, dass in diesem Laden DIE Szene aus Wayne’s World gedreht wurde, die Stairway to Heaven eine neue Bedeutung gibt. (Hierbei rate ich, sich dringend „Wayne’s World“ anzuschauen, sofern dies noch nicht passiert ist).

Ich ärgere mich, kein Foto gemacht zu haben, nehme mir beim nächsten Musikladen vor besser zu dokumentieren.

Wir schauen uns Brian Jonestown Massacre im Danforth an. Bevor ich jedoch das Loft Richtung Konzert verlassen kann, werde ich von meinem Label überrascht: Ein Karton. Und es fühlt sich an wie ein Geburtstag. Meine erste Ladung „Empty Sea“ ‚North American Edition‘ liegt vor meinen Füßen. North American Edition. Crazy. Mein Album. In meinen Händen. Ich bin so stolz, packe ein Exemplar aus und führe es fortan in meiner Handtasche aus. Noch bevor wir das Konzert erreichen, stelle ich sicher, dass die ganze Band das Exemplar sieht und es willkommen heißt wie ein kleines Baby.

Wir kommen vor dem Konzertsaal an und ab dem Moment entwickelt sich der Abend zu einem 70s Rock’n Roll Movie und erfüllt alles und noch viel mehr, was man sich von dieser Band erhofft. Nachts sehen wir ein Racoon zwischen den Häusern streichen und der Tierliebhaber in mir möchte es sofort streicheln, werde jedoch von gefühlt allen Anwesenden mit einem „NOOOOO“ aufgehalten. Ich nehme es ernst und gehe keinen Schritt mehr auf dieses süße Tier zu.

Wir werden viel über diese Racoons erfahren - sie sind in Toronto nur bedingt des Menschen Freund. Kontakt bitte nur mit Biomülltonnen - auf gar keinen Fall mit Menschen, da sie anscheinend zum Zanken neigen.

Die Biomülltonnen-Thematik wird ernst genommen; die Stadt hat extra Mülltonnen mit speziellen Verschlüssen konzipiert, sodass die Tierchen nicht mehr an Küchenabfälle als Hauptnahrung denken und Abstand vom Menschen halten. Dass diese Tierchen manchmal schlauer sind als der Mensch zeigt sich darin, dass es genau ein halbes Jahr dauerte, bis die ersten Racoons im wahrsten Sinne des Wortes den „Dreh raus hatten“ und selbst die neuen Tonnen, mit neuem Verschluss easy peasy öffnen können. Wir scherzen, ob das erste YouTube Tutorial eines Racoons bereits online ist „How to open the new trash can #Toronto.“

https://image.jimcdn.com/app/cms/image/transf/dimension=470x1024:format=jpg/path/s547385a539755047/image/ic904735e197573f5/version/1527154251/image.jpg

Das Highlight unseres Besuchs ist der eigene Showcase meines Labels, welcher Branchenmenschen, die dank der Canadian Music Week in der Stadt sind, zum ersten Live-Happening meinerseits einlädt. Es fühlt sich heimisch an, denn  das Konzert findet in der Vorhalle des Warehouses statt - in meinem Wohnzimmer der Woche sozusagen. Wir spielen bei Tageslicht unser erstes Konzert in Kanada, unser erstes Konzert mit meinem neuen Gitarristen Mark, der sich hoffentlich nicht direkt an Konzertanreisen per Flugzeug gewöhnt hat. Die Show wird gut werden. Im Warehouse tummeln sich alte Bekannte: Einer meiner engsten Freunde, erst nach Vancouver ausgewandert, kümmert sich um unseren Sound, Sea Moya, ebenfalls nach Kanada (Montreal) ausgewandert, winken vom Seitenrand. Zudem neue und alte Freunde, die wir vor und während unseres Trips kennengelernt haben. Und Businesskontakte. Wir lassen den Nachmittag ausklingen und läuten wenig später den Abend mit Drinks und Poutine ein. Enden im Ronnies Local 069, welches mich augenblicklich an meine Lieblingsbar in Berlin erinnert - mit hellerem Licht und mehr Hits in der Playlist. Die ganze Bar singt, als Smashing Pumkins - 1979 gespielt wird und ich definitiv weiß, an was mich Toronto erinnert: 90s, Dashboard Confessional, Death Cab for Cutie, irgendwie auch Grunge.

Rau, bodenständig und auf eine sehr charmante Weise unaufgeregt und roh. Und so erinnert sie mich an meine erste Wahlheimat Mannheim - ohne die Wärme, die man zwischen den Quadraten, im Luisenpark oder nur vor der Haustüre ab April spüren kann. Wir kommen wieder, aber erst im Sommer.


Kommentare
Es sind keine Kommentare vorhanden.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Wir freuen uns über Deinen Kommentar. Bitte seid im Umgang miteinander respektvoll.

Danke!

Zum Anfang